| Wie alles begann... |
Eine kurze Geschichte des Internets
(abgeschrieben aus dem Buch: OpenLDAP)
Vom Bikini zum ARPAnet
Wenn Sie romantische Vorstellungen hegen bei dem Namen "Castle Bravo",
dann seien Sie versichert: Falscher können Sie nicht liegen. Castle Bravo war der Codename der schwersten atomaren Testexplosion der USA.
Die Bombe mit einer Sprengkraft von 15 Megatonnen wurde am 28. Februar 1954 über dem Bikini-Atoll gezündet und brachte neben einer Reihe neuer Erkenntnisse der Sorte, wie sie Militärs und ihre Wissenschaftler für sinnvoll halten, einen kompletten Ausfall jeglicher Kommunikation der beteiligten Schiffe und Truppen mit sich. Die Menschheit war einen grossen Schritt weiter gelangt, sie war nun in der Lage, einen Elektromagnetischen Puls (kurz: EMP) auszulösen. Weil aber zur Menschheit auch die "bösen" Jungs im Kalten Krieg gehörten, und die - mit russischer Unverfrorenheit - auch über atomare Waffen verfügten,stellten der EMP und der mit ihm verbundene Kommunikationszusammenbruch ein schweres Problem dar - "Mr. President, mit einem Wort: Wir verlierenunsere Zweitschlagsfaehigkeit"
... und das musste gelöst werden. Was niemand ahnte: Die Forschungen, die man nun begann, waren die Geburtsstunde des Internets. Nur am Rande: Die UDSSR zündete am 30. Oktober 1961 eine 60-Megatonnen-Bombe in 4000 Metern Höhe. Über die Folgen ist nichts bekannt, aber es dürfte das Ende aller elektrischen Geräte im Umkreis von 100-200 km gewesen sein. Wo rohe Kräfte sinnlos walten ... Pakete und StrömeJ.C. Licklider den Grundstein des Internets
in den spaeten 50er-Jahren mit seinen Ueberlegungen zu
Time-Sharing-Systemen. Er leitete damals eine Forschungsgruppe beim
US-Ruestungslieferanten Bolt, Beranek and Newman (BBN).
Computerhersteller und die meisten Vertreter des
Informatik-Establishments waren der Ansicht, dass Time-Sharing eiene
ineffeziente Verwendung von Computerressourcen darstelle und nicht
weiter verfolgt werden solle. Lickliders Argument waar umgekehrt, dass
Rechner für eine Echtzeit-Interaktion für >>kooperatives Denken
mit einem Menschen<< zu schnell und zu kostspielig seien, weshalb
sie ihre Zeit zwischen vielen Nutzen aufteilen muessten. Entscheidend
an diasem Ansatz war aber die >>paketweise<< Auffassung von
Datenverarbeitungsprozessen, entgegen der damals ueblichen Auffassung
von Datenstroemen. Die konsequente Verfolgung dieses Ansatzes erlaubte
es ihm, eine Neudifinition vom Computer als Rechenmaschine hin zum
Computer als Kommunikatinsgeraet vorzunehmen. Bei diesen
Entwicklungsstand seiner Konzepte wechselte er 1962 zur Advanced
Research Projects Agency (ARPA) des US-Verteigungsministeriums.
Die ARPA-Forschungsabteilung unter Licklider schrieb die verschiedenen
Bestandteile des neuen Netze aus. Das Stanford Research Institute (SRI)
erhielt den Auftag, die Spezifikationen für das neue Netz zu schreiben.
Im Dezember 1968 legte das SRI den Bericht A Study of Computer Network
Design Parameters vor. Zur selben Zeit arbeitete Doug Engelbart und
seine Gruppe am SRI bereits an computergestuetzten Techniken zur
Foerderung von menschlicher Interaktion. Daher wurde entschieden, dass
das SRI der geeignete Ort sei, ein Network Information Center (NIC) für
das ARPAnet einzurichten. Die ARPA- Ausschreibung für ein Network
Measurement Center ging an die University of California in los Angeles
(UCLA), wo Leonard Kleinrock arbeitete, der seine Doktroarbeit über
Warteschlangentheorie geschrieben hatte.
Den Zuschlag für die Entwicklung der Paketvermittlungstechnologien,
geanuer eines Interface Message Procesors (IMP), erhielt BBN. Dort
arbeitete unter anderem Robert E. Kahn, der vom MIT gekommen war und
auf den ein Grossteil der Architektur des Internets zurueckgeht. Die
IMPs, Vorlaeufer der heutigen Router, hatten die Aufgabe, die
niedrigste Verbindungsschicht zwischen den über Telefonleitungen
vernetzten Rechnern (Hosts) herzustellen. Die ersten IMPs wurden im Mai
1969 ausgeliefert.
Der Startschuss zum Internet fiel im Herbst 1969, als die ersten vier
Grossrechner der UCLA, der SRI, der University of California in Santa
Barbara (UCSB) und der University of Utah miteinander verbunden wurden.
Zwei Jahre spaeter bestand das Netz aus 14 Knoten und wuchs um einem
pro Monat. Nach Fertigstellung des NCP und Implementierung für die
vieschiedenen Architekturen enstanden jetzt die hoeheren Dienste Telnet
und FTP (File Transfer Protocol, Tomlinson von BBN modifizierte ein
E-Mail-Server-Programm für das ARPANEt und erfand die
>>user@host<<-Konvention. Larry Roberts schrieb hierfuer
einen Mail-Client. Und der fuehrte gleich zum Start des E-Commerce im
nagelneuen Internet. Denn, so war zu hoeren, es wurde über diesen neuen
Kommunikationweg ein schwunghafter Handel mit Marihuana betrieben
zwischen den Studenten in Berkeley, CA, und denen vom MIT. Wer Teile
des aelteren Unix-Quellcodes mitsamt der Kommentare gesehen hat, ist
sofort bereit, diese Geschicte zu glauben. Und wenn sie aber falsch
ist, so ist sie doch gut erfunden ...
Die Telekommunikationsunternehmen waren am Konzept der paketweisen
Datenuebertragung schon damals durchaus interessiert, allerdings mehr
unter den Gesichtspunkten Fehlertoleranz und Netzauslastung. Letzlich
boten sie aber doch wieder nur einen kanalbasierten Uebertragungsweg
an: Die Spezifikationen dises Dienstes wurden im Rahmen der
Internationalen Telekommunikations-Union (ITU) verhandelt und 1976
unter der Bezeichnung X.25 standardisiert. Die Bundespost bot ihn unter
dem Namen datex-P an. So wurde einem rhizomatischen Netz, das aus einem
militaerischen Kalkuel heraus von ienzelnen Knoten dezentral wuchert,
eine hierarchische, baumfoermige Struktur, die zentarl geplant und
verwaltet wird, entgegengestellt.
Die Zeit schien reif, das Werk der Oeffentlichkeit zu praesentieren,
was 1972 auf der International Conference on Computer Communications in
Washington stattfand. Im Keller des Konferenzhotels wurden ein
Paketvermittlungsrechner und ein Terminal Interface Processor (TIP)
installiert, der anders als ein IMP den Input von mehreren Hosts oder
Terminals verarbeiten konnte. Angeschlossen waren 40 Maschinen in
ganzen USA. Aber natuerlich war das Hardwarekonzept noch immer nicht
wirklick befriedigend. Am aergsten erschien die Moeglichkeit, ein
System mit konkurrierenden Uebertragungsstandards auf unterster Ebene
zu generieren. Bob Metcalfe umriss deshalb in seiner Doktorarbeit an
der Harvard-Universitaet das Konzept für ein Local Area Network (LAN)
mit multiplen Zugangskanaelen, das er Ethernet nannte. Am Xerox PARC
entwickelte er das Konzept weiter, bevor er spaeter 3COM gruendete.
ARPANET, SATNET und das Radionetz hatten verschiedene Schnittstellen,
Paketgroessen, Kennzeichnungen und Uebertragungsraten, was es schwierig
machte, sie untereinander zu verbinden. Robert Kahn, der von BBN an die
DARPA (eine Unterabteilung des amerikanischen Department of Defense,
wurde spaeter in ARPA umbenannt) ging, und Vint Cerf, der jetzt an der
Standford-Universitaet unterrichtete, begannen, ein Protokoll zu
entwickeln, um verschiedene Netze miteinander zu verbinden. Im Herbst
1973 stellten sie auf einen Treffen der International Network Working
Group in England den ersten Entwurf zum Transmission Control Protocol
(TCP) vor. Im Jahr darauf wurde TCP zeitgleich an der
Standford-Universitaet, bei BBN und dem University College London
(Peter Kirstein) implementiert.
Damit war der Grundstein für das moderne Internet gelegt. Und es ging
zuegig weiter. Anfang 1975 verfuegte das ARPANET über 61 Knoten. Die
erste Mailingliste wurde eingerichtet. Zusammen mit den RFCs werden
Mailinglisten zum wichtigsten Mittel der offenen Kooperation der
technischen Gemeinschaft. In der beliebstesten Liste dieser Zeit
diskutierte man jedoch über Science-Fiction.
TCP/IP wurde zum De-facto-Standard, doch die Anerkennung als
offizieller Standard blieb ihm verwehrt. Ein Irrweg in der
Netzwerkentwicklung begann, als die International Organization for
Standardization (ISO) ab 1982 ein Referenzmodell (OSI-Modell) für einen
eigenen verbindungsorientierten Internetwerkstandard namens Open
Systems Interconnection (OSI) entwickelte. Im Gegensatz zum
horizontalen Prozes der Internet-Community beruht das
Standarddisierungverfahren der ISO auf einem vertikalen,
mehrschichtigen Prozess aus Vorschlaegen, Ausarbeitungen und
Abstimmungen, der zwischen den nationalen
Standardisierungsorganisationen, den Arbeitsgruppen und schliesslich
dem Plenum der ISO hin und her geht. Dabei sollen alle
Interessenberuecksichtigt werden. Sie wissen schon, eine Kommission so
wie die Hartz- oder Warren- Kommission. Andererseits fuehrten diese
Bemuehungen zum X.500-Protokoll, die Grundlage dessen, von dem wir hier
reden werden. Aber davon mehr im zweiten Absatz.
|
|
| Letzte Aktualisierung ( Monday, 7. May 2007 ) |